AD(H)S und Essstörung - gibt es einen Zusammenhang?

 

In den letzten zehn Jahren haben sich Essstörungen im Kindes-, Jugend- und jungen Erwachsenalter fast verdoppelt. Besorgniserregend sind hierbei der chronische Verlauf der Magersucht mit einer hohen Sterblichkeitsrate und der Adipositas mit damit verbundener zahlenmäßiger Zunahme des metabolischen Syndroms und des Diabetes mellitus im Erwachsenenalter.

Statistische Untersuchungen des Robert-Koch-Institutes aus den Jahren 2003-2006 ergaben, dass mindestens 20% der Bevölkerung ein krank machendes Essverhalten haben. Davon leiden ca. 3% der Frauen im Alter von 16-35 Jahren an Bulimie und bis zu 1% an Magersucht. 15% aller Kinder und 18% der Jugendlichen im Alter von 11-17 Jahren sind übergewichtig.

In meiner Praxis lag die Häufigkeit von restriktiven Essstörungen bei Frauen und weiblichen Jugendlichen mit einem behandlungsbedürftigen AD(H)S bei ca. 15%. Auch Kinder mit AD(H)S, vorwiegend mit einem ADS ohne Hyperaktivität zeigen überdurchschnittlich häufig Symptome einer beginnenden Essstörung. Sie sind somit gefährdet, eine Esssucht, eine Bulimie oder eine Anorexie zu entwickeln, wenn die verursachende Problematik nicht frühzeitig erkannt und behandelt wird.

Die Dunkelziffer bei der Häufigkeit von Essstörungen ist sehr groß, weil über gestörtes Essverhalten nicht gern gesprochen wird. Es ist mit dem Gefühl von Schwäche und Scham besetzt und wird vor allem nicht als Krankheit angesehen.

 

Da bei einer ausgeprägten Magersucht (Anorexie) eine hohe Akut- und Spätsterblichkeit von etwa 23% besteht, ist dringender Handlungsbedarf erforderlich. Um den Beginn von Essstörungen zeitig zu erkennen, sollte man einigen bisher zu wenig bekannten Faktoren, die eine Essstörung auslösen können, mehr Aufmerksamkeit schenken. Jeder Therapeut weiß, dass eine über Jahre bestehende Anorexie kaum mehr erfolgreich zu behandeln ist. Infolge jahrelanger Unterernährung kommt es zu schweren körperlichen Schäden. Nerven- und Köperzellen leiden, ein rationales Denken ist dann nicht mehr möglich. Es wird durch irrationale Zwänge mit verzerrter Wahrnehmung ersetzt. Das anfängliche Vorhaben, an Gewicht abzunehmen und kalorienbewusst zu essen, wird zur zwanghaften und alles bestimmenden irrationalen Sucht, die Denken und Handeln bestimmt.

 

Für die Entstehung einer Essstörung im Rahmen eines Aufmerksamkeitsdefizitsyndroms sind eine Summe von folgenden Faktoren verantwortlich:  

Eine genetische Veranlagung, Stressintoleranz, Stirnhirnunterfunktion mit Reizüberflutung, eine besondere Art der Informationsverarbeitung, eine emotionale Steuerungsschwäche sowie Defizite in der Konzentration und Daueraufmerksamkeit, die Selbstwertgefühl und soziale Kompetenz zunehmend beeinträchtigen.

Betroffen sind vorwiegend sozial überangepasste, fleißige weibliche Jugendliche mit sehr guter Intelligenz und hohem Anspruch an sich und an andere. Von ihrem sozialen Umfeld erhalten die Betroffenen nach eigener Wahrnehmung zu wenig Anerkennung und Aufmerksamkeit. Sie fühlen sich benachteiligt, sind innerlich verunsichert und hilflos, da ihnen vieles immer wieder schlechter als erwartet gelingt. Darunter leiden sie und suchen nach Möglichkeiten zur Selbstbestätigung, um sich psychisch zu stabilisieren.

Manchen bietet ihr Essverhalten eine für sie realisierbare Möglichkeit, endlich die lang ersehnte Anerkennung von Seiten des sozialen Umfeldes, bes. der Peergruppe zu bekommen. Infolge ständig gefühlter und pubertätsbedingter zunehmender Differenzen zwischen ihrem Wollen und ihrem Können gelingt es ihnen, mit Hilfe ihres Essverhaltens gespürte Defizitezu beseitigen. Diese Defizite, die für das soziale Umfeld als solche bisher nicht wahrnehmbar waren, weil die Betroffenen sie bisher gut kompensieren konnten. Es sind vor allem sensible, leistungsorientierte Jugendliche mit hohem Selbstanspruch, die infolge einer genetisch bedingten anderen Art der Informationsverarbeitung ihr inneres Selbstkonzept für sie unzureichend verwirklichen konnten. Trotz ständiger und intensiver Anstrengung erleben sie immer wieder Enttäuschungen, weil sie über ihr intellektuelles Potential nicht jederzeit und erfolgreich verfügen können. Alles gelingt ihnen schlechter als erwartet. Das verunsichert sie, ihr Selbstvertrauen gerät in eine Abwärtsspirale und löst negativen emotionalen Dauerstress aus. Die Essstörung dient letztendlich der Selbstbehandlung einer durch negativen Dauerstress bedingten Selbstwertkrise, die eigentlich frühzeitig professioneller Hilfe bedarf.

 

Handeln, nicht warten bis ein schlechtes Selbstwertwertgefühl verbunden mit Hilflosigkeit und beeinträchtigtem Selbstbild diese jungen klugen und leistungsmotivierten Menschen aus innerer Verzweiflung zur Selbsthilfe treibt.

 

Eine Selbsthilfe, die über Versagensängste, Hilflosigkeit, depressive Verstimmungen und Zwänge in die Sucht führt. Eine Sucht, bei der erfolgreiche Gewichtsabnahme das Belohnungssystem im Gehirn aktiviert. Auf der Suche nach Anerkennung bei Versagensängsten verbunden mit dem Gefühl, nicht verstanden oder abgelehnt zu werden, ergibt sich nun eine Möglichkeit, sich und den anderen Überlegenheit zu beweisen. Durch Verweigerung von Nahrung mit sichtbarer Gewichtsabnahme, die Anerkennung der anderen zu erhalten, die das nicht so konsequent schaffen, verbessert die psychische Befindlichkeit und aktiviert ihr Belohnungssystem, was dann „Glückshormone“ freisetzt.

 

Die Behandlung von AD(H)S-Betroffenen aller Altersgruppen und von Jugendlichen mit Essstörungen offenbarten mir viele Gemeinsamkeiten in deren Entwicklungs-geschichte und deren Symptomatik. Das kann kein Zufall sein! Hier muss es einen Zusammenhang von AD(H)S und Essstörung geben. Um diesen zu erkennen, ist eine gründliche Anamnese in Bezug auf frühkindlicheEntwicklung, der Motorik und der verschiedenen Bereiche der Wahrnehmungsverarbeitung, der kognitiven Fähigkeiten, der Intelligenz, der emotionalen Stabilität, der Empfindlichkeit gegenüber Stress, dem Selbstwertgefühl und Sozialverhalten sowie eine ausführliche Familienanamnese erforderlich. Nur wenn man bei beiden Krankheitsgruppen eine Summe von gleichen Symptomen nachweisen kann, könnte das auf eine gemeinsame Ursache von AD(H)S und Essstörungen hinweisen, wobei ganz bestimmte soziale Einflüsse die Entwicklung zur Essstörung begünstigen, wie z.B. die nicht nur in den Medien verbreiteteMeinung: „Wer Erfolg haben will, muss schön, jung, schlank, dynamisch und innerlichstark sein.“

 

AD(H)S und Essstörung, worin besteht der Zusammenhang?

 

Genetische Veranlagung und soziales Umfeld, innere und äußere Schutzfaktoren, Empfindlichkeit und Belastbarkeit prägen im Wesentlichen die Entwicklung eines jeden Menschen. Das soziale Umfeld und die Art, wie miteinander umgegangen und kommuniziert wird, sowie Schulsysteme und Freizeitbeschäftigungen haben sich in den letzten Jahrzehnten so schnell verändert, dass zunehmend mehr Kinder und Jugendliche unter Reizüberflutung und negativem Dauerstress leiden, was sie psychisch und physisch überfordert. Das betrifft besonders eine Gruppe, die infolge einer angeborenen Stirnhirnunterfunktion im Rahmen eines Aufmerksamkeitsdefizit-syndroms unter einerReizfilterschwäche leidet, was die Gestaltung ihres neuronalen Netzwerks im Gehirn verändert und dessen Informationsverarbeitung beeinträchtigt. Wenn ausreichend  Kompensationsmöglichkeiten und eigene Ressourcen vorhanden sind und die Symptomatik nicht so ausgeprägt ist, können die Betroffenen mögliche Defizite ausgleichen und von ihren AD(H)S-bedingten besonderen Fähigkeiten sogar profitieren.

Deshalb ist es wichtig, Kinder und Jugendliche mit AD(H)S, die erste Anzeichen einer beginnenden psychischen und/oder physischen Beeinträchtigung zeigen, frühzeitig zu erkennen und entsprechend zu behandeln. Denn Essstörungen können eine Begleit- oder Folgeerkrankung von AD(H)S sein, deren Ursache eine genetisch und neurobiologisch bedingte veränderte Informationsverarbeitung ist mit Beeinträchtigung der kognitive Fähigkeiten, der emotionalen Steuerung, der Verhaltensbildung und dem Umgang mit Stress.

Betroffene mit AD(H)S und mit Essstörungenhaben viele Gemeinsamkeiten. Die wichtigste dabei ist: Sie sind mit sich unzufrieden, weil sie über ihre vorhandenen Fähigkeiten nicht immer und sofort verfügen können, vermissen sie die Anerkennung der anderen, was emotional negativen Dauerstressauslösen kann.

 

AD(H)S als eine genetisch bedingte Persönlichkeitsvariante könnte die bisher unbekannte Größe sein, die für die Entstehung von Essstörungen von vielen Autoren immer wieder vermutet wird. AD(H)S wird aber in der Praxis zu wenig berücksichtigt und noch öfter fehlgedeutet, besonders wenn es sich um den unaufmerksamen Subtyp handelt. Dadurch vergibt man eine Chance, rechtzeitig in die Psychodynamik einer beginnenden Essstörung einzugreifen, um diese zu unterbrechen, noch bevor die Betroffenen mit ihrer Problematik sich allein gelassen fühlen und zur „Selbsthilfe“ greifen. Dabei sind Magersucht und Bulimie, teilweise auch die Adipositas, nur der Gipfel eines Eisberges. Wie sehr die Betroffenen leiden, wird durch ihr überange-passtesVerhalten und ihrem hohen Selbstanspruch, niemals negativ aufzufallen, lange übersehen.

 

Schon lange bevor es zur Essstörung kommt, läuft ein psychodynamischer Prozess ab, der so früh wie möglich erkannt und unterbrochen werden sollte. Das erfordert Kenntnisse und genaues Beachten von Besonderheiten im Entwicklungsverlauf von AD(H)S-Betroffenen, der durch eine besondere Art der Wahrnehmungsverarbeitung geprägt wird. Nach folgenden ADS-typischenSymptomen, die bei Kindern und Jugendlichen mit ADS ohne Hyperaktivität in ihrer Summe für die Entwicklung einer Essstörung von Bedeutung sein können, sollte gesucht werden:

-    Schlechte Daueraufmerksamkeit bei erhöhter Ablenkbarkeit und Vergesslichkeit

-    Innere und zeitweilig auch äußere Unruhe

-    Unfähigkeit zur Gefühlsteuerung mit impulsivem Handeln

-    Antriebsmangel und geringe Zielstrebigkeit

-    Schwierigkeiten, den Tagesablauf zu strukturieren undTermine einzuhalten

-    Unter Stress schneller Leistungsabfall und Verlust der Selbstkontrolle

-    Spontanes und unüberlegtes Reagieren, nicht aus Fehlern lernen können

-    Einschlafprobleme durch häufiges Grübeln

-    Beeinträchtigte Fein- und Graphomotorik

-    Sehr sensibel und überempfindlich, oft auch gegenüber Geräuschen

-    Sich schnell unverstanden und ausgegrenzt fühlen

-    Sich schlecht verbal wehren können, weil ihnen die passenden  Worte nicht einfallen

-    Rückzugstendenzen und Resignation

-    Es werden wenige, aber intensive freundschaftliche Beziehungen gepflegt, Trennungen nur sehr schwer verkraftet

-    Erreichen in der Schule nicht den Leistungsstand, der ihrer Intelligenz entspricht

-    Entwickeln ein schlechtes Selbstwertgefühl

-    Haben Versagensängste, geben sich selbst zu oft die Schuld

-    Frust und Unzufriedenheit können nicht nach außen abreagiertwerden, sondern erzeugen negativen Dauerstress, der zu psychischen undpsychosomatischen Erkrankungen führt z. B. zu Ängsten, Zwängen, depressiven Reaktionen, Frustessen oder autoaggressiven Handlungen

-    Haben Schwierigkeiten sich in einer Gruppe zu behaupten

-    Bei den Geschwistern, Eltern oder nur bei einem Elternteilbesteht ebenfalls eine ADS-Symptomatik mit Auswirkung auf die intrafamiliäreBeziehung

 

Ein frühzeitiges Erkennen und erfolgreiches Behandeln von ADS kann das Entstehen einer Essstörung verhindern und wird auch schon von einigen wenigen Therapeuten gezielt praktiziert. Leider ist dieser Zusammenhang von neurobiologisch bedingter Reizüberflutung mit veränderterWahrnehmung und dem zwanghaften Ausrichten von Denken und Handeln, um durchAbnehmen das eigene Belohnungssystem zu aktivieren, noch zu wenig bekannt.

 

Die Erfahrungen aus der Praxis zeigen immer wieder folgende Psychodynamik der AD(H)S-bedingten Magersucht (Anorexie) als typische restriktive Essstörung.

 

Die Psychodynamik dieser Essstörungkönnte wie folgt ablaufen:

 

Wunsch nach Anerkennung und Zuwendung bei

hohem Selbstanspruch

+

Anhaltende Enttäuschungen im Leistungs- und Verhaltensbereich

beeinträchtigen Selbstwertgefühl und soziale Kompetenz

Unzufriedenheit und Erfolglosigkeit im Streben nach Anerkennung

Stressblockiert das Hungergefühl, der Blutzuckerspiegel steigt

Nahrungsentzug zur Ich-Bestätigung und um Anerkennung zu erlangen, begünstigt durch einenstarken Willen

 

superschlank als erstrebenswertes Ziel führt zum zwanghaften Kalorienzählen

Gedanken auf Nahrungsverweigerung und Kalorienzählen automatisieren sich, sie werden zwanghaft

Nahrungsverweigerung, Gewichtsabnahme, seinen Körper beherrschen um das zu erreichen, was andere nicht schaffen, diese Erfolge aktivieren das Belohnungssystem, was Glückshormone ausschüttet

Gewichtsabnahme schafft Anerkennung der anderen, auch das aktiviert das Belohnungssystem, aus dem Zwang wird eine Sucht mit veränderter Wahrnehmung

 

 

Die Entwicklung einer so schweren Essstörung, wie es die Anorexie ist, ist immer vielschichtig bedingt. Es müssen über Jahre viele Faktoren zusammenkommen, die die Voraussetzung zu deren Entwicklung schaffen. Besteht aber erst einmal das typische Krankheitsbild einer Anorexie, so ist die Behandlung sehr schwierig und oft wenig erfolgreich. Denn der Zwang zum Kalorienzählen mit Nahrungsverweigerung hat sich automatisiert und ist mit der Ausschüttung von Glückshormonen gekoppelt. Diese werden besonders gebraucht, um emotionalen negativen Dauerstress zu kompensieren. Deshalb gibt es immer wieder Rezidive, besonders unter psychischer Belastung mit negativem Stress.

 

Eine ausgeprägte Magersucht kann wegen der nicht ausbleibenden schweren Organschäden auch tödlich enden. Es ist deshalb wichtig, frühzeitig nach Ursachen zu suchen und behandeln, um die Entwicklung einer Anorexie zu verhindern.

 

Personen, die unter Stress kein Hungergefühl verspüren und nicht essen können, weil „ihr Hals wie zugeschnürt ist“, sind prädestiniert unter ganz bestimmten psychischen Belastungen eine Anorexie zu entwickeln. Personen dagegen, die unter Stress ein starkes Hungergefühl bekommen und durch Essen innerlich zur Ruhe kommen, entwickeln eher eine Esssuchtmit Gewichtszunahme oder eine Bulimie. Diese Erfahrung kann man immer wieder inder Praxis machen.

 

Die Bulimie (Ess-/Brechsucht)

Die Bulimie kann auch eine mögliche stressassoziierte AD(H)S-Spektrumsstörung sein. Damit es bei ihr infolge sich ständig wiederholender Heißhungerattacken nicht zur Gewichtszunahme kommt, wird nach dem Essen manuell Erbrechen ausgelöst. Bei der Entstehung der Bulimie spielt bei vielen Betroffenen ihre besondere genetisch bedingte hohe Stressempfindlichkeit eine wichtige Rolle. Stress wird zu langsam abreagiert und er erzeugt ein Gefühl von Heißhunger, das verbunden mit einer Impulssteuerungsschwäche zu unbeherrschbaren Fressanfällen führen kann. Denn der bei Stress ausgeschüttete Botenstoff Noradrenalin und das Stresshormon Cortisol versetzen den Körper in Alarmbereitschaft mit schneller Erhöhung des Blutzuckerspiegels. Dadurch wird vermehrt Insulin produziert, was den vorhandenen Blutzuckerschnell abbaut und in die Körperzellen einlagert. Der schnell abfallende und niedrige Blutzuckerspiegel in Verbindung mit einer noch immer vermehrten Insulinproduktion lösen Heißhunger aus, der zur Nahrungsaufnahme regelrecht zwingt. Dabei besteht eine „Gier“ auf schnell verdauliche Kohlenhydrate (z.B. Zucker), die dann in großen Mengen aufgenommen werden. Erst die Magenüber-ladung mit dem sehr unangenehmen Völlegefühl bremst diese „Fressattacke“, die bei dem Betroffenen von einem Gefühl der Reue begleitet wird. Sie schämen sich ihrer Unbeherrschtheit und fühlen sich erst wieder wohl und im psychischen Gleich-gewicht, wenn sie erbrochen haben. Denn sie wollen auf keinem Fall an Gewicht zunehmen, was unweigerlichdie Folge solcher Fressanfälle währe.

Essen und Erbrechen dienen dabei dem Frustabbau, je öfter sie sich es wiederholen, umso schneller automatisieren sie sich und der folgende Kreislauf beginnt:

 

Frust – Heißhunger Essen – Frustabbau – Völlegefühl – Erbrechen – Reue – Scham psychische Belastung – erneuter Stress hoher Blutzucker Insulinausschüttung Blutzuckerabsturz Heißhunger Essattacke – VöllegefühlScham Erbrechen....

 

Wird dieser Ablauf häufig wiederholt, kann er sich automatisieren, d.h. verselbständigen, erbrochen wird, ohne manuell nachzuhelfen.

 

Unter den Bulimie-Patienten fanden sich in meiner Praxis viele weibliche Jugendliche mit einer Stress-Überempfindlichkeit, emotional instabilem Verhalten, Problemen in der sozialen Kompetenz, in der Eigensteuerungvon Daueraufmerksamkeit und Impulsivität verbunden mit ständiger innerer und/oder äußerer Unruhe. Alles Symptome, die auf das Vorliegen einer AD(H)S-Spektrumsstörung hindeuten. Eine ausführliche Diagnostik, die die Familienanamnese, die Kindergarten- und Schulzeit mit einbezieht, einschließlich Elternbefragung und das Lesen ihrer Schulzeugnisse ergab als Ursache der Bulimie dann sehr häufig ein typisches Aufmerksamkeits-defizitsyndrom mit und ohne Hyperaktivität.

 

Die Psychodynamik der Entwicklung einer Bulimie im Rahmen eines AD(H)S zeigt in der Praxis immer folgenden Verlauf:

 

 

Defizite im kognitiven und sozialen Bereich

+

Frustrationsintoleranz und Impulssteuerungsschwäche

+

Dauerstress, innere Unruhe, zu große Empfindlichkeit, Versagensängste

erhöhter Cortisonspiegel, erhöhter Blutzuckerspiegel

Insulinausschüttung, Blutzuckerabfall

Heißhunger mit Sucht auf Süßes und kalorienhaltige Nahrung

Verschlingen großer Nahrungsmengen zum Stressabbau

Übelkeit, Reue, Angst vor Übergewicht, Erbrechen zur Magenentlastung und zur Vermeidung von Gewichtszunahme mit Automatisierung des Brechvorganges

 

Kommt es bei einer ausgeprägten Bulimie unter ungünstigen Bedingungen im sozialen Umfeld noch zum zwanghaften Zählen der Kalorien ist ein Übergang in eine Anorexie möglich.

 

 

 

Erst das Bekanntwerden des ADS ohne Hyperaktivität und dessen Verlaufs-beobachtung bis in das Erwachsenenalter hinein, ließ einen Zusammenhang von ADS und Essstörung erkennen. Wobei das ADS ohne Hyperaktivität unter ganz bestimmten Bedingungen in seinem Verlauf die Ausbildung einer späteren Essstörung begünstigt, als eine besonders schwere Form der reaktiven Fehlentwicklung. In der Praxis weisen Kinder und Jugendliche mit einer Komorbidität von ADS und Essstörung überzufällig häufig viele Gemeinsamkeiten in ihrer Entwicklung auf, was auf einen möglichen Zusammenhang von ADS und Essstörung hindeutet.

Die Bulimie ist wesentlich häufiger, wird aber meist sehr verschwiegen. Sie lässt sich besser behandeln als die Anorexie, da die Bulimie-Patienten eher einen Leidensdruck haben und sich ihrer Problematik hilflos ausgeliefert fühlen.

 

Anorexie-Patienten haben dagegen meist keinerlei Krankheitseinsicht und zu Krankheitsbeginn auch keinen Leidensdruck. Sie entziehen sich gern einer Behandlung, da sie sonst die durch ihr erfolgreiches Abnehmen gewonnene psychische Stabilität aufgeben müssten.Sie kommen oft wegen Begleit-erscheinungen, wie Konzentrationsstörungen, Schulversagen, posttraumatischen Störungen, Ausbleiben der Regel bei verzögerter Pubertät oder werden ohne Einsicht zur Notwendigkeit einer Behandlung von ihren Eltern zum Arzt gebracht.

Ist ein ADS als auslösende Ursache für eine Essstörung erst einmal diagnostiziert, ist die Behandlung um vieles leichter, vorausgesetzt, man kann frühzeitig genug, am besten prophylaktisch tätig werden. Schwierigkeiten bereitet zurzeit aber noch vielen die Diagnostik eines ADS ohne Hyperaktivität im Kindes- und Jugendalter oder gar dessen Akzeptanz überhaupt.

 

Es gibt eine Fülle von ADS-assoziierten Folge- oder/und Begleiterkrankungen. Die wissenschaftliche Forschung steht hier erst am Anfang. Die Erfahrungen in der psychiatrischen und psychotherapeutischen Praxis geben eindeutige Hinweise auf einen Zusammenhang von ADS als Ursache für stressassoziierte Begleit- und Folgeerkrankungen im Erwachsenenalter, wobei die Pubertät für Jugendliche mit AD(H)S eine zusätzliche Belastung ist, weshalb es gerade zu diesem Zeitpunkt zur Dekompensation kommen kann mit Beginn verschiedener Folge- und Begleit-erkrankungen, wie es dieAnorexie die Bulimie oder die Adipositas sein können.