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Thesen zu AD(H)S

 

Was bedeutet AD(H)S?

 Viele sprechen von ADS, aber viel zu wenige wissen, was sich dahinter verbirgt.

 

A. Warum gibt es über das Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom mit Hyperaktivität (ADHS) und ohne Hyperaktivität (ADS) so viele Unklarheiten, die zu den widersprüchlichsten Meinungen führen?


1. Diese verschiedenen Meinungen verunsichern die Betroffenen und schaden ihnen, wenn sie sich aus Unkenntnis beeinflussen lassen. Oft wird dadurch eine unbedingt notwendige Diagnostik und Behandlung unterlassen oder sie erfolgt erst Jahre später. Dadurch geht wichtige Zeit verloren, in der die Betroffenen immer mehr leiden und sie in ihrer seiner Persönlichkeitsentwicklung zurück bleiben.


2. Mit Hilfe alternativer Therapien können einzelne Symptome mehr oder weniger erfolgreich behandelt werden. Aber bei ausgeprägter Symptomatik reicht das nicht. Wird die Ursache nicht behandelt, kann es noch nach Jahren zu psychischen Erkrankungen kommen. Wichtigstes Therapieziel jeder AD(H)S-Therapie ist, den Betroffenen zu helfen, ihr Selbstwertgefühl und ihre soziale Kompetenz spürbar zu verbessern. Nicht einzelne Symptome gilt es zu behandeln, sondern deren Ursache. Das zu erkennen und zu akzeptieren erfordert einen Perspektivwechsel in der Psychiatrie, Psychologie, Pädagogik und in der Ergotherapie.

Angehörige dieser Berufsgruppen kommen heute in ihrer therapeutischen Tätigkeit und im Umgang mit AD(H)S-Betroffenen nicht mehr ohne wissenschaftlich fundierte Kenntnisse über das ADS mit und ohne Hyperaktivität aus. Das zeigt die Praxis.


3. Unbehandelt wird die Lebensqualität der Betroffenen einschränkt, ihre Familien leiden mit ihnen, jede zu späte Behandlung wird für alle schwieriger. Denn am Zusammen-hang von AD(H)S und einer Vielzahl psychischer Störungen und Erkrankungen als Begleit- oder Folgeerscheinung besteht heute kein Zweifel mehr. Auch hier ist ein Perspektivwechsel mit Wissenszuwachs in der Psychiatrie und Psychotherapie besonders im Erwachsenenbereich erforderlich. Die Ergebnisse der neurobiologischen Forschung dienen dabei als Grundlage und sind zu berücksichtigen.


4. Bei der Diagnostik  sind eine ganzheitliche Betrachtung der geschilderten Symptomatik mit Einbeziehung der individuellen Entwicklung von Kindheit an und des sozialen Umfeldes notwendig. Denn ADS und ADHS sind bei ausgeprägter Symptomatik eine angeborene neuro-psycho-soziale Beeinträchtigung mit Auffälligkeiten auf der neuromotorischen, der emotionalen, der kognitiven und der Verhaltensebene.

 

B. Zu den Ursachen von AD(H)S


1. Ein Perspektivwechsel in der Kinder- und Erwachsenen-psychiatrie würde bedeuteten, nicht nur die Symptome in den Mittelpunkt von Diagnostik und Therapie zu stellen, sondern deren neurobiologische Ursachen, entsprechend den Erkenntnissen der aktuellen Forschung. Die neurobiologische Forschung ist heute in der Lage, in wesentlichen Bereichen mittels hochtechnischer bild-gebender Verfahren ansatzweise Aussagen über den Zusammenhang von Auffälligkeiten einzelner Gehirn-abschnitte und den typischen AD(H)S-Symptomen zu machen.


2. Hyperaktivität, Verhaltensstörungen, Mangel an Konzentration und Daueraufmerksamkeit sind Symptome, die in dieser Kombination bei beiden ADS-Formen vorkommen, aber allein als Punktwert einer Skala nicht für eine ADS/ADHS-Diagnose ausreichen. Auch bei anderen Erkrankungen treten diese Symptome in dieser Kombination auf. Hyperaktiv oder verhaltensgestört ist noch lange nicht gleich AD(H)S! Beim ADS ohne Hyperaktivität stehen Verhaltensstörungen zunächst weniger im Vordergrund. Hier haben wir vor allem eine beeinträchtigte Daueraufmerk-samkeit mit Auffälligkeiten im Sozialverhalten und Lernstörungen.


3. Das ADS ohne Hyperaktivität wird deshalb bei oberflächlicher Betrachtungsweise nicht oder viel zu spät diagnostiziert und deshalb bis heute in der ADS-Forschung zu wenig berücksichtigt. Diagnostik und Therapie des ADS ohne Hyperaktivität sind wesentlich aufwändiger und schwieriger. Neben diesen beiden Formen des AD(H)S gibt es noch viele Zwischenstufen, die oft in der gleichen Familie nebeneinander oder in der nächsten Generation vorkommen. Dabei gleicht kein AD(H)S dem anderen, so vielfältig ist sein Erscheinungsbild.


4. Das AD(H)S in seiner Anlage wird immer vererbt. Die Gene dafür sind auf verschiedenen Kernschleifen (Chromosomen) lokalisiert. Bisher wurden ca. 20 Kandidatengene gefunden, die in ihrer Kombination das Erscheinungsbild des AD(H)S prägen, wobei aber auch das soziale Umfeld, das Vorhandensein von Schutzfaktoren und die aktuelle Belastung von großer Bedeutung sind. Genetisch handelt es sich beim AD(H)S um eine Transporterstörung der Botenstoffe und um Unterfunktionen des Stirnhirns und weiterer individuell verschiedener Gehirnbereiche.


5. Das AD(H)S ist also eine angeborene und neurobiologisch bedingte Funktionsstörung im Stirnhirnbereich mit Reizüberflutung und viel zu engmaschiger Ausbildung des neuronalen Netzes, was die Weiterleitung von kognitiven, emotionalen und motorischen Informationen beeinträchtigt. Außerdem besteht eine Dysbalance der Botenstoffe. Daraus resultiert ein typisch verändertes Reaktions- und Verhaltens-muster. Neurobiologisch prägend für AD(H)S ist dessen Stirnhirnunterfunktion, die mittels spezieller Computer-verfahren über den Glucose- oder Sauerstoffverbrauch nachgewiesen werden kann.


C. Aus den Ursachen ergeben sich folgende therpeutische Strategien:


1. Die Unterfunktion des Stirnhirns und der Mangel an einzelnen Botenstoffen (infolge genetisch bedingter Transporterstörung) kann mit den Stimulanzien ausgeglichen werden. Stimulanzien, wozu auch die Amphetamine gehören, sind das Mittel der ersten Wahl für die AD(H)S-Behandlung. Aktuelle bildgebende Verfahren bestätigen die Wirksamkeit und Richtigkeit dieser Therapie. Stimulanzien reduzieren die Reizüberflutung und unterstützen somit die Anlage von dichten Lernbahnen, vorausgesetzt, es wird intensiv und regelmäßig geübt.

2. Durch die genetisch bedingte Transporterstörung stehen in den Spalten zwischen den einzelnen Nerven (Synapsen) nicht ausreichend Botenstoffe zur Weiterleitung der verschiedenen Informationen zur Verfügung. Hier setzt eine weitere Wirkung der Stimulanzien ein, sie beseitigen den Botenstoffmangel in den synaptischen Spalten. Für eine optimale Weiterleitung von Informationen muss das Verhältnis der einzelnen Botenstoffe zueinander stimmen, nur dann können diese schnell und korrekt zu den entsprechenden Verarbeitungszentren ins Langzeit-gedächtnis gelangen.

3. Strattera“ ist ein Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer, der im synaptischen Spalt wirksam wird und seit 2005 für die Therapie von AD(H)S als Mittel der zweiten Wahl zugelassen ist und sich auch bewährt hat..

4. Seit 2016 gibt es noch "Intuniv", ein Nicht-Stimulans, dass die Informationsübertagung postsynaptisch beeinflusst und als Retardpräperat für die Behandlung von AD(H)S bei Kindern und Jugendlichen von 6-17 Jahren zugelassen ist. Sein Inhaltsstoff Guanfacin soll das neuronale Netzwerk dabei unterstützen, wichtige Reize zu betonen und unwichtige zu unterdrücken. Wegen seiner möglichen Nebenwirkungen sollte die Gabe dieses Medikamentes gut ärztlich überwacht werden. Ich persönlich habe keine Erfahrungen mit diesem Medikament. In meiner Praxis konnte ich mit den Stimulanzien gute therapeutische Erfolge erzielen, vorausgesetzt sie wurden in eine multimodale Therapie eingebunden.



D. Was ist ADS/ADHS und was ist es nicht?


1. Das AD(H)S ist mehr als eine Störung der Konzentration und des Verhaltens. Seine Diagnose macht eine ganzheitliche Betrachtungsweise des Betroffenen in seiner Entwicklung, seinem sozialen Umfeld, seinen individuellen Fähigkeiten und möglichen Defiziten erforderlich. Das AD(H)S ist eine hirnorganisch bedingte Funktions-beeinträchtigung, die  Symptome je nach Schweregrad in den Bereichen der Denk- und Merkfähigkeit, der Konzentration, der Daueraufmerksamkeit, des Verhaltens und der Impulssteuerung sowie in unterschiedlichen motorischen Bereichen aufweisen kann.


2. Das AD(H)S ist oft nur als Veranlagung vorhanden mit durchaus vielen positiven Eigenschaften. Es ist also von vornherein keine Krankheit, kann aber bei ausgeprägter Symptomatik und unter ungünstigen äußeren und inneren Bedingungen zu psychischen und psychosomatischen Beschwerden führen. Deshalb ist eine möglichst frühe Diagnostik und - wenn nötig - auch eine rechtzeitige Behandlung erforderlich, damit vor allem das Selbstwert-gefühl der Betroffenen nicht leidet.


3. Das AD(H)S wird in jedem Fall vererbt. Negative Einflüsse auf das Gehirn des sich entwickelnden Kindes durch Rauchen, Alkoholgenuss oder großen Stress in der Schwangerschaft können dessen Symptomatik wesentlich verstärken und damit erst zum Ausdruck bringen. Sie sind aber nicht die Ursache des AD(H)S. Alkoholembryopathie und „Raucherbabys“ gibt es unabhängig vom AD(H)S. Auch eine frühkindliche Hirnschädigung z.B. durch Sauerstoff-mangel unter der Geburt hat kein AD(H)S zur Folge, ebenso Fehlerziehung und andere Krankheiten des Gehirns. Die Symptome sind oft ähnlich, aber für den Fachmann unterscheidbar. Zu wenig Struktur in der Erziehung, zu wenig Bewegung, zu viel Medienkonsum, zu wenig Förderung können AD(H)S-Symptome wesentlich verstärken und zur Störung machen, aber die Anlage dafür ist immer angeboren.


4. Betroffene mit AD(H)S rauchen deshalb oft, weil sie damit ihren Dopaminspiegel erhöhen können, sich ruhiger fühlen, sich besser konzentrieren und entspannen können. Aus den gleichen Gründen greifen sie öfter zum Alkohol, um infolge des Serotonin- und Noradrenalinmangels ihre ängstlich unsichere Grundstimmung, ihre Selbstzweifel zu beseitigen. Sie trinken sich wörtlich genommen „Mut an“.

Werden Frauen mit AD(H)S, die als Selbstmedikation rauchen oder Alkohol trinken schhwanger, können diese legalen Drogen das sich entwickelnde Kind noch zusätzlich gefährden. Die toxische und die genetische Schädigung können sich summieren.


5. Eine klare Abgrenzung des AD(H)S von anderen Störungen ist die Voraussetzung für eine erfolgreiche Behandlung. An dieser Stelle möchte ich zur grundlegenden Information auf die Leitlinien zur Diagnostik und Therapie des AD(H)S der Kinder- und Jugendärzte und der Kinder- und Jugendpsychiater verweisen, die erstmalig 1999 erstellt, mehrfach überarbeitet und für das Erwachsenenalter  erweitert wurden.


6. Verhaltens- und Konzentrationsstörungen, -Teilleistungs-störungen, wie Lese-Rechtschreib- und Rechenschwäche sind Bereiche, die bisher in das Ressort der Pädagogen gehörten. Somit ist es für manche bis heute schwer verständlich, dass hierfür auch eine AD(H)S-bedingte neurobiologische Störung verantwortlich sein kann und Teilleistungsstörungen dadurch zu einem ärztlichen Problem werden und einer fachärztlichen Behandlung bedürfen.


7. Ein ausgeprägtes und unbehandeltes AD(H)S kann zu    einer so schweren Beeinträchtigung der kindlichen Entwicklung werden, dass es als Ursache von vielen psychischen Störungen und Erkrankungen, wie Ängsten,  Zwängen, Depressionen, Suchtverhalten, Essstörungen und sogar für die Ausbildung einer Borderline-Persönlichkeits-störung bedeutungsvoll ist, denn das AD(H)S verschwindet nicht von allein, auch nicht mit dem Erwachsenwerden

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8. AD(H)S ist eine Persönlichkeitsvariante, die für die   Betroffenen aber auch sehr vorteilhaft ein kann. Denn ein AD(H)S zu haben bedeutet, auch über besondere Fähigkeiten zu verfügen, die man kennen und nutzen sollte. Sich mit seinem Schicksal abzufinden, zu resignieren, das ist der falschen Weg. Jede Diskussion über AD(H)S sollte nicht auf der Ebene der Vermutung, sondern auf der Ebene der wissenschaftlich fundierten Erkenntnisse stattfinden. Dann wäre auch kein Platz mehr für Unterstellungen, wie: „Modediagnose“, „Ausrede der Eltern“, „schlechte Erziehung“, „Kinder unter Drogen stellen“, „Kinder ruhig stellen“, „jeder hat heute AD(H)S“, oder "Sie haben kein ADS, weil Sie ja ein Abitur oder einen Hochschulabschluss haben und sich bei der Untersuchung sehr gut konzentrieren konnten".


9. Dem entgegnen kann man nur mit einer guten Diagnostik und einer erfolgreichen vielschichtigen Therapie. Das Verordnen von Medikamenten allein reicht nicht! Dies in der Praxis umzusetzen bedarf noch viel Anstrengung, die vor allem mit Informations- und Erfahrungsaustausch beginnen muss. Um ein AD(H)S in seiner Vielfalt und in seiner psychodynamischen Dynamik zu begreifen, sollte man mit vielen Betroffenen und deren Familien über einen mehrjährigen Zeitraum eigene Erfahrungen gesammelt haben.

Über den möglichen Zusammenhang von AD(H)S und Esstörungen beispielsweise ist noch viel zu wenig bekannt, obwohl Magersucht, Bulimie oder Esssucht als Begleit- oder Folgerkrankung von AD(H)S in der Praxis keine Seltenheit sind, nur zu wenig beachtet werden. Für Interessierte empfehle ich mein Buch über den Zusammenhang von AD(H)S und Essstörungen und deren Diagnostik und Therapie.

"Essstörungen und Persönlichkeit. Magersucht, Bulimie und Übergewicht. Warum Essen und Hungern zur Sucht werden kann"

2. aktualisierte Auflage, Kohlhammer Verlag  ISBN:978-3-17-020848-3

 

E. Neurobiologische Grundlagen und Vererbung des AD(H)S

  

1. Eine wichtige Voraussetzung für die Funktion des Gehirns besteht darin, dass die peripheren Nervenzellen (Neuronen) die verschiedensten Informationen als bioelektrische Impulse zu den entsprechenden Zentren im Zentralnervensystem weiterleiten und dort speichern. Nervenzellen, die wiederholt gleichzeitig bioelektrisch aktiviert werden, verbinde sich an den Schaltstellen (Synapsen) netzartig miteinander. Aus der Summe dieser Verbindungen entstehen mit der Zeit dichte Lernbahnen. Das bedeutet, je mehr Informationen die Nervenzellen erhalten, desto umfangreicher entwickelt sich das neuronale Netz. Je weniger Informationen weitergeleitet werden, je weniger Nervenzellen verbinden sich miteinander. Nervenzellen, die keine bioelektrischen Impulse (Reize) erhalten, sterben mit der Zeit ab und lösen sich nach einer gewissen Zeit auf.

 

2.  Durch die Vernetzung von Milliarden von Nervenzellen und deren genetisch vorgegebener „Spezialisierung“ können wir Fähigkeiten erwerben, Informationen und Erfahrungen abspeichern und diese auch bei Bedarf wieder abrufen. Dabei werden alle neu eintreffenden Informationen mit den schon gespeicherten verglichen, was unserer Erfahrung oder Erinnerung entspricht und Grundlage unseres Wissens ist.


3. Bei Reizfilterschwäche wird  das Gehirn von Geburt an mit vielen Reizen überlastet. Sehr viele Nervenzellen bleiben zwar dadurch erhalten, aber es leidet die Ausbildung der für ein angepasstes und schnelles Denken und Handeln so wichtigen dichten Nervenbahnen. Im Kopf herrscht Chaos, weil zu viele Gedanken gezieltes und überlegtes Denken und Handeln blockieren. „Ich habe ständig Kino im Kopf“ oder "abends komme ich vor lauter Grübeln nicht in den Schlaf“ so einige Aussagen von Betroffenen. Damit wir nur für uns Wichtiges aufnehmen und abspeichern, ist ein Filtersystem erforderlich, das unwichtige Reize und Informationen aus-blendet. Funktioniert dieser Filter nicht oder nur unzu-reichend, wird unser Gehirn mit Reizen und Informationen überflutet. Das überfordert auf Dauer unseren Arbeits-speicher (Hippocampus) und dann gehen uns wichtige Informationen  verloren, unsere Merkfähigkeit leidet.


4. Gelingt den Zentren für Informationsverarbeitung die anlagebedingte Spezialisierung nicht, sind Teilleistungs-störungen die Folge. In der Praxis lässt sich bei AD(H)S-Betroffenen eine familiäre Häufung von Rechtschreib- oder Rechenschwäche als eine Folge multipler Störungen in der Verarbeitung von Wahrnehmungen und Informationen finden. Damit das abgespeicherte Wissen schnell, gezielt und sicher wieder abrufbar und somit verfügbar ist, muss unser Gehirn zu den betreffenden Zentren Bahnen ausbilden. Ähnlich den Autobahnen, die möglichst ohne Umwege und Staus zu den gewünschten Zielen führen. Das erfordert ein regelmäßiges Üben, was in bestimmten Prägungsphasen der Entwicklung besonders wichtig ist. Nur bei ständiger Wiederholung gleicher Informationen können sich „dicke“ Nervenbahnen zu den entsprechenden Zentren im Gehirn ausbilden, die später eine Automatisierung von kognitiven Leistungen und Verhaltensweisen ermöglichen.


5. Das unterstreicht die Notwendigkeit einer frühen und regelmäßigen gezielten Förderung, die wichtig ist für die Anlage von Lernbahnen als Vorausetzung für die Lern - und Schulfähigkeit. Diese Vernetzung der Nervenzellen beginnt nach der Geburt. Für die Ausbildung der Lernbahnen zur schnellen und effektiven Weiterleitung bioelektrischer Impulse sind primär nicht nur kognitive Reize wichtig, sondern vor allem regelmäßiges körperliches Training. Die motorischen Bahnen bilden eine Basis für die kognitiven Bahnen.


E. Die Wirkung der Botenstoffe


1.Damit Reize über Milliarden von Nervenzellen weiter-geleitet werden können sind Botenstoffe erforderlich. Es gibt davon eine Vielzahl, aber die wichtigsten sind Dopamin, Noradrenalin, Serotonin und Acetylcholin. Sie leiten die Reize der verschiedensten Informationen in ganz unterschiedliche, aber vorbestimmte Bereiche des Zentral-nervensystems weiter. Um eine Überlastung der Nerven-leitungen zu verhindern, sind zwischen den einzelnen Nervenzellen Schaltstellen eingebaut, ähnlich den Sicherungen unseres elektrischen Stromnetzes. In diesen Schaltstellen (Synapsen) müssen immer die entsprechenden Botenstoffe in ausreichender Menge vorhanden sein.


2. Der genetisch bedingte Mangel an einzelnen Botenstoffen beeinflusst das Erscheinungsbild des AD(H)S. So gibt es Im vorderen und hinteren Bereich des Gehirns je ein Zentrum für Daueraufmerksamkeit. Das vordere Zentrum wird von Nerven versorgt, deren Informationen mittels Dopamin weitergeleitet werden. Das im hinteren Schädelbereich gelegene Zentrum für Aufmerksamkeit benötigt ausreichend Noradrenalin als Botenstoff. Besteht z. B. ein Mangel von beiden Botenstoffen, so reagiert der Betroffene mit Unaufmerksamkeit, er kann nicht bei der Sache bleiben, nicht anfangen und Begonnenes nicht beenden. Es sei denn, es ist für ihn sehr interessant.


3. Die wichtigsten Botenstoffe und ihre Funktionen sind:

a). Dopamin ist für die Regulation des Verhaltens und der Feinmotorik verantwortlich. Bei Dopaminmangel kann das Verhalten nicht ausreichend gesteuert werden. Der Betroffene regt sich schnell und übermäßig stark auf, er reagiert impulsiv. Seine Motorik ist überschießend und ungebremst, weil deren Feinabstimmung beeinträchtigt ist. Dopamin aktiviert das körpereigen Belohnungssystem, was ein Gefühl des Erfolges, der Zufriedenheit mit der erbrachten Leistung und so einen Motivationsschub auslöst. Bewegung und Sport fördern die Botenstoffbildung, damit können leichte Defizite wenigstens vorübergehend ausgeglichen werden. Sport verbessert somit Konzentration und Daueraufmerk-samkeit und reduziert die Hyperaktivität.
Die Hyperaktivität vieler Betroffener ist eine Art Selbst-behandlung zum Abreagieren ihrer innerer Unruhe, die  sich auch automatisieren und deshalb schlecht unterbunden werden kann.

b). Noradrenalin versorgt ein im hinteren Bereich des Gehirns liegendes Aufmerksamkeitszentrum, was für die Regulation der Motivation, der Stimmung und des Gedächtnisses für Gefühle verantwortlich ist. Noradrenalin steuert unser Verhalten, verhindert zu starke Schwankungen unserer Gefühle.

c). Serotonin ist der Botenstoff, der das Gefühlszentrum versorgt, als Glückshormon Stimmung,   seelisches Wohl-befinden und Antrieb reguliert. Stresshormone beeinträchti-gen die Bildung von Serotonin. Serotonin ist auch der Botenstoff für das Nervensystem unseres Darmtraktes. Auf Serotoninmangel reagiert der Körper mit Ängsten, Zwängen, depressiven Verstimmungen und Magen-Darmbeschwerden.

d). Acetylcholin ist wichtig für die Gedächtnisbildung, seine Rolle beim AD(H)S ist noch wenig erforscht..


F. AD(H)S und Vererbung


Für die wichtigsten Botenstoffe konnte beim AD(H)S eine genetisch bedingteTransporterstörung wissenschaftlich nachgewiesen werden. Sie ist auf mehrere Gene verteilt. Die Summe der betroffenen Gene entscheidet über die ganz spezielle und sehr unterschiedliche Symptomatik des AD(H)S. Die Gene haben einen additiven Effekt, d.h. je mehr Gene betroffen sind, umso ausgeprägter ist die AD(H)S-Symptomatik.

Haben beide Elternteile nur wenig betroffene Gene, besteht bei ihnen eine AD(H)S-Veranlagung, wobei deren Kinder eine ausgeprägte AD(H)S-Symptomatik haben können, wenn sie von beiden Eltern gerade die betroffenen Gene geerbt haben. Wie stark die individuelle Beeinträchtigung ist, hängt von der Schwere der neurobiologischen Störung, von den vorhandenen Ressourcen der Betroffenen, dem Verhalten des sozialen Umfeldes und der aktuellen Belastung ab.

 

Weitere Informationen zu dieser Thematik in meinem Buch: „Verunsichert, ängstlich, aggressiv - Verhaltensstörungen bei Kindern und Jugendlichen - Ursachen und Folgen“
Kohlhammer Verlag; ISBN 978-3-17-019744


F. Besonderheiten der Gehirnentwicklung:


 1. Beim AD(H)S kommt es wegen Reizfilterschwäche zur Reizüberflutung einzelner Gehirnbereiche. Je nach Schweregrad des Betroffenseins ist die Verarbeitung von Informationen von Anfang an beeinträchtigt. Diese Reizüberflutung setzt Stresshormone frei, die schon das Befinden junger Säuglinge von Anfang an beeinträchtigen können. Manche Säuglinge reagieren mit unstillbarem Weinen und großer Schreckhaftigkeit. Bei einer ausgeprägten AD(H)S-Symptomatik leiden alle Betroffenen lebenslang unter negativem Dauerstress. Dieser Dauerstress kann zur Schwächung des Immunsystems führen, Infektionen und Allergien können die Folge sein.

 

2. Ein dichtes Netz von Lern(Gedächtnis)bahnen ist Voraussetzung für eine gute intellektuelle Entwicklung. Als Folge von Reizfilterschwäche und Botenstoffmangel kommt es durch Reizüberflutung zur Ausbildung eines viel zu fein verzweigten neuronalen Netzes mit dem für das AD(H)S so typische divergente, vom Thema abschweifende Denken. Konzentration und Daueraufmerksamkeit können nicht bewusst aufrecht erhalten werden. Zu viele Informationen  überlasten das Arbeitsgedächtnis, Wichtiges kann verloren gehen.


3. Ein frühzeitiges und regelmäßiges Üben fördert die Bildung von Lernbahnen im Gehirn, die erst eine Automatisierung von Lernen und Verhalten ermöglichen.  Diese Automatisierung ist Voraussetzung für ein schnelles und auf Erfahrung beruhendes, angepasstes und erfolg-reiches Handeln und Denken, sowie Entscheidungen schnell und richtig treffen zu können. Menschen mit AD(H)S fällt dieses oft schwer. Wenn  abgespeichertes Wissen nicht schnell genug abrufbar ist, können Rechnen, Lesen und die Rechtschreibung beeinträchtigt sein.

 

4.  Auch das so wichtige konvergente Denken, das ziel- gerichtet, konzentriert und themengebunden erfolgt, kann ohne dichte Lernbahnen nicht erfolgen. Die Betroffenen werden durch eigene Gedanken und durch Umweltreize ständig abgelenkt. Beim ausgeprägten AD(H)S besteht ein divergenter Denkstil (vielschichtig, diffus, aber auch kreativ), der oft zum Abweichen vom Thema führt, aber auch das so wertvolle schöpferische Denken der Betroffenen ermöglicht.


5. Sehr viele innovative Ideen, Erfindungen und Entdeckungen verdanken wir Menschen mit AD(H)S und ihrer besonderen Art der Informationsversverarbeitung. Sie haben viele gute Eigenschaften und besondere Fähigkeiten, sie müssen sie nur nutzen können und mit einem guten Selbstwertgefühl durch die Schulzeit kommen, um über genügend Fachkompetenz und Selbstvertrauen zu verfügen.


 

6. Viele Menschen mit AD(H)S klagen darüber, dass sie immer zu viele Gedanken gleichzeitig im Kopf haben, sich nur schlecht auf eine Sache konzentrieren können und vergesslich sind. Ihr divergenter Denkstil macht es ihnen schwer, beim Thema zu bleiben und langen Gesprächen zu folgen. Beim Reden verzetteln sie sich durch zu viele Ideen, schweifen vom Thema ab. Ihre Gedanken bleiben nicht auf den „Autobahnen“, sondern durchfahren viele Nebenstraßen und bleiben dort auch manchmal hängen. Da sie beim Erzählen oder Handeln leider manchmal den „Faden verlieren“ und vom Thema abschweifen, wird das Schreiben von Aufsätzen zum Problem. Beim Lesen eines Fachtextes verlieren sich ihre Gedanken, sie haften an interessanten Nebensächlichkeiten, ohne das Wesentliche zu erfassen.


Wie vielfältig das Erscheinungdbild des AD(H)S sein kann, welche Dagnostik und Therapien erforderlich sind, beschreibe ich in meinem Buch:

"Die vielen Gesichter des ADS. Begleit- und Folge-erkrankungen richtig erkennen und behandeln."                    4. überarbeitete und erweiterte Auflage, Kohlhammer Verlag

ISBN: 978-3-17-021334-0


G. Erfolgreich lernen trotz AS(H)S


1. Gelerntes wird von ADS-Betroffenen besonders gut behalten, wenn es für sie interessant, visuell oder emotional ansprechend dargestellt ist. Sie merken sich gern Nebensächlichkeiten, ohne den Zusammenhang zu verstehen. Ihre Zensuren in der Schule sind sehr abhängig von der Lehrerpersönlichkeit, seinem Unterrichtstil, der Sympathie zum Lehrer und natürlich vom Interesse am Thema.


2. Menschen mit AD(H)S lernen vorwiegend visuell, sie haben ein fotografisches Gedächtnis. Sie können sich besser konzentrieren, wenn sie beim Lernen vor sich hin sprechen, Wichtiges farblich markieren, den Stoff mehrfach wieder-holen und dabei im Zimmer auf und ab gehen. Sich ohne Stress abfragen lassen, denn unter Stress, Ärger und emotionaler Erregung wird ihr Arbeitsgedächtnis blockiert, es kann zum Blackout kommen.

 

3. Menschen mit AD(H)S können sich aber auch sehr gut und manchmal besser als andere konzentrieren, wenn etwas neu ist oder sie von einer Idee fasziniert sind. Dann können sie hyperfokussieren und voll bei der Sache sein. Leider gelingt ihnen das für Routinetätigkeiten im Alltag nur selten.

 

4. Stillsitzen beim Lernen verleitet zum Abgleiten der Gedanken, deshalb Außenreize möglichst vermeiden: Während der Hausaufgaben keine Telefonanrufe annehmen (Handy aus), kein Fernsehen oder Radiohören. Während der festgelegten Hausarbeitszeit kein Läuten an der Haustür durch Freunde zulassen, die nur fragen wollen, ob er oder sie zum Spielen kommt. Das lenkt ab und die Konzentration  ist vorbei.

 

5. Hausaufgabenheft und Hausaufgaben sollten bei Kindern mit und ohne AD(H)S kontrolliert werden, wenn die Schul-leistungen nicht ihren Fähigkeiten entsprechen. Wobei die Begabung der Kinder und Jugendlichen mit AD(H)S oft weit über ihren tatsächlichen erbrachten schulischen Leistungen liegt. Diese Diskrepanz zwischen ihren Fähigkeiten und den tatsächlich erbrachten Leistungen spüren die Betroffenen. Sie leiden darunter, sind verunsichert und beginnen an ihren Fähigkeiten zu zweifeln, ihr Selbstwertgefühl gleitet in eine Negativspirale. Die hyperaktiven Kinder reagieren darauf aggressiv, die hypoaktiven resignieren, ziehen sich zurück und entwickeln Versagensängste.

 

6. Für erfolgreiches Lernen ist Motivation ein der wichtiger Motor. Er aktiviert das neuronale Netzwerk zur Informations-aufnahme, genau wie Vorsatzbildung und Selbstinstruktion. Damit Lernen erfolgreich ist, sollten die Stimulanzien jeden Tag und mit ganztägiger Wirkung eingenommen werden. Auch in den Ferien, um die Stabilität des neuronalen Netzes zu erhalten.


Konkrete Hilfen für erfolgreiches Lernen können Interessierte in meinem Buch weiter lesen:

"AD(H)S. Hilfen zur Selbsthilfe. Lern- und Verhaltens-strategien für Schule, Studium und Beruf"

Kohlhammer Verlag  2015

ISBN-Nr. 978-3-17-023351-5 


H. AD(H)S und Teilleistungsstörungen


1. Unter den AD(H)S´lern gibt es viel mehr überdurch-schnittlich Begabte als man vermutet. Nur durch die verschiedenen Beeinträchtigungen können sie in ihrem Denken und Verhalten nicht sofort den Anforderungen entsprechen. Sie merken, dass sie oft zu langsam oder vorschnell und unüberlegt reagieren. Ihnen fallen bei emotionaler Erregung nicht gleich die passenden Worte ein.

 

2. Durch Mangel an Botenstoffen und unzureichend angelegte Gedächtnisbahnen für die Weiterleitung von Informationen können sie nicht so schnell ihr abgespeicher-tes Wissen abrufen. Deshalb lernen sie viel schwerer aus Fehlern oder auf Anhieb richtige Entscheidungen zu treffen.

Der Mangel an dichten Lernbahnen erschwert das  áutoma-tische Abrufen von Handlungen, verbalen Reaktionen oder Lerninhalten aus dem Langzeitgedächtnis. So haben einige AD(H)S´ler Probleme beim Rechnen, „ihr  Rechenkästchen im Gehirn öffnet sich zu langsam“ oder andere haben bei der Rechtschreibung oder beim Lesen Probleme „das Wortbild-gedächtnis ist mit zu wenigen oder mit falsch geschriebenen Wörtern bestückt", was das richtige Schreiben beeinträchtigt.

 

3. Die Rechenschwäche beim AD(H)S zeigt sich bald nach der Einschulung. Die Betroffenen haben Probleme, die Subtraktion im Bereich von 1-20 zu automatisieren, sie kommen beim Rechnen von den Fingern nicht los. Auch die Subtraktion im Hunderterbereich, das Einmaleins oder das Erlernen der Uhr automatisieren sich verzögert. Das Um-rechnen von Mengen erlernen sie besser über Anschauung und das sollten möglichst früh üben. Wieviel ist ungefähr ein Liter, ein Meter, ein Kilometer, eine Minute, eine Stunde? auch der Zahlenbegriff von 1 bis 10 sollte schon vor der Einschulung spielerisch trainiert werden.

 

4. Lesen und Schreiben setzen eine gute Konzentration, eine gute Merkfähigkeit, ein gutes Wortbildgedächtnis, eine ausreichende Intelligenz, ein gut abgestimmtes beidäugiges dynamisches Sehen, eine gute Differenzierung des Gehörten und eine gute Visuomotorik voraus, also eine Alters entsprechende Entwicklung der am Lernprozess beteiligten Bereiche im Gehirn. Deren Funktionsfähigkeit kann beim AD(H)S in unterschiedlichster Weise beeinträchtigt sein, vor allem duch mangelhafte Automatisierung. Erfolgloses Üben hemmt die Motivation, weckt Selbstzweifel und verunsichert. So kann eine unbehandelte Lese-, Rechtschreib- und Rechenschwäche die psychische Stabilität beeinträchtigen. 

 

5. Hat ein Kind eine Lese-,Rechtschreib- und/oder Rechenschwäche, sollte seine Informationsverarbeitung untersucht und ein AD(H)S ausgeschlossen werden. Besonders dann, wenn Üben allein keinen ausreichenden Erfolg bringt und das Kind über eine ausreichend gute Intelligenz verfügt. Dann empfiehlt es sich, nach Ursachen zu suchen und diese zu beseitigen. Noch viel zu oft wird nur am Symptom gearbeitet mit unzureichendem Erfolg, weil ein AD(H)S übersehen wurde. Die Ursache beseitigen bedeutet, das AD(H)S mit einem problemorientierten, persönlichkeits-zentrierten und multimodalen Therapieprogramm zu behan-deln und dafür individuelle Lern- und Verhaltensstrategien gemeinsam zu erarbeiten. Damit konnte ich in meiner Praxis vielen Kindern und Jugendlichen mit AD(H)S-bedingten Teilleistungsstörungen helfen.

 

6. Besonders beim ADS ohne Hyperaktivität sind es nicht so sehr Verhaltensstörungen, sondern Lernstörungen unter denen die Kinder leiden. Schlechte Noten trotz guter Intelligenz und Fleiß führen zur inneren Verunsicherung mit Unzufriedenheit, Resignation, Ängsten und psychosomatischen Beschwerden. Mit dieser Symptomatik werden dann diese oft intellektuell gut befähigten Kinder in der kinder- und jugendpsychiatrischen Sprechstunde vorgestellt.

 

Mehr über Besonderheiten von Diagnose und Therapie des ADS ohne Hyperaktivität, sowie der ADS-bedingten Lese-Rechtschreib- und Rechenschwäche können Sie in meinem Buch nachlesen:

„ADS. Unkonzentriert, verträumt, zu langsam und viele Fehler im Diktat - Hilfen für das hypoaktive Kind“. Kohlhammer Verlag, 9. Auflage

ISBN978-3-17-021005-9

 

 I. AD(H)S und Intelligenz


1. Je intelligenter ein Kind ist, um so mehr leidet es unter seiner AD(H)S-Problematik. Wenn ein hochbegabtes Kind im Diktat oder in der Rechenarbeit gerade mal eine schwache 3 bekommt, ist es enttäuscht über seine Leistung. Deshalb ist die Feststellung der Intelligenz bei der Diagnostik aller Teilleistungsstörungen von großer Bedeutung.

 

2. Die Untersuchung der Intelligenz bei allen Kindern mit schulischen Problemen ergab, dass Kinder mit AD(H)S im Verhältnis zu den Nichtbetroffenen eher über eine höhere intellektuelle Ausstattung verfügen, besonders im Verbalteil des Intelligenztests. Die im Verbalteil ermittelten IQ-Werte von Kindern und Jugendlichen mit AD(H)S liegen häufiger als bisher angenommen im Bereich der Hochbegabung. Nach meiner Statistik haben etwa 5-6% aller ADS`ler einen IQ, der zumindest im Verbalteil im Hochbegabtenbereich liegt. Leider liegt ihr IQ-Wert für den Handlungsteil oft weit darunter infolge AD(H)S-bedingter Beeinträchtigung der Konzentration, des Arbeitstempos, des Kopfrechnens und der visuomotorischen Fähigkeiten. Deshalb wird diesen Kindern immer wieder eine große Diskrepanz im Intelligenz-spektrum bescheinigt, ohne nach deren Ursache zu suchen.  Wird dann ein Kind mit einer ausgeprägten AD(H)S-Symptomatik nicht behandelt, kann sich seine Intelligenz nicht altersgerecht weiterentwickeln.

 

3.  Wird ihre gute bis sehr gute Intelligenz nicht erkannt, gelten viele dieser hoch- und sehr begabten Kinder und Jugendlichen mit AD(H)S als „Underachiever“, d.h. sie bleiben dann weit unter ihren Möglichkeiten und leiden weiter. Denn ihr Problem ist nicht die Unterforderung, sondern meist eine Überforderung, infolge ihres bisher nicht erkannten AD(H)S. Durch ihre gute Intelligenz, mir Fleiß und  Anstrengung können sie gespürte Defizite über längere Zeit kompensieren. 

 

Wie man die Intelligenz von Kindern mit und ohne AD(H)S fördert habe ich ausführlich in meinem Buch beschrieben:

„Kinder und Jugendliche mit Hochbegabung - erkennen, stärken, fördern - damit Begabung zum Erfolg führt.“

Kohlhammer Verlag 2005

ISBN 3-17-018735-X.